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Thomas Thorild

Grabstein (Ostseite) für Thomas Thorild und dessen Familie (Ehefrau, Schwiegersohn, Tochter, Enkelin) aufgestellt 1808/1823 auf dem Friedhof in Neuenkirchen.

Gedenkstein für Thomas Thorild (aufgestellt 1929) in der Nähe seiner Geburtsstätte in Blaasupp bei Svarteborg (Westschweden)

Thomas Thorild (Thoren) 1759-1808

Man nannte ihn den "schwedischen Lessing"

Thomas Thorild in Blasupp (Westschweden, Bohuslän) geboren, war ein hochbegabter, feinsinniger aber sehr impulsiver und streitbarer Mann, der sich schon in jungen Jahren als Dichter, Kritiker und Schriftsteller hervortat und, den deutschen Stürmern und Drängern verwandt, gegen die in Schweden herrschenden literarischen Richtungen Front bezog. Für die Freiheit des Wortes und des Geistes eintretend zog er mit scharfen Worten gegen die Zensur zu Felde und äußerte sich auch in staatspolitischen Fragen kritisch.
Ohne Grund wurde er in den für die Ermordung des Königs Gustav III. für verantwortlich angesehenen Personenkreis einbezogen. Kritische und scharfe Äußerungen wurden ihm zur Last gelegt, so dass er schließlich zu vierjähriger Verbannung verurteilt, Schweden verlassen musste. Er hielt sich zunächst in Kopenhagen, dann in Hamburg und Lübeck auf und bekam schließlich, da er die Verbindung zu Gönnern Schweden aufrechterhalten hatte und sich gefällig zeigte, auf seine Bitte eine Stellung an der damals schwedischen Universität Greifswald als Bibliothekar und außerordentlicher Professor. Seine Einsetzung wurde nur gegen anhaltenden Widerstand der Professoren mit schwedischem Druck möglich, und auch in den Jahren seines damaligen Wirkens hat es an Spannungen und Differenzen nicht gefehlt, da Thorild außer-ordentlich empfindlich war, eine scharfe Zunge besaß und selbst-bewusst seine Stellung und seine Rechte zu behaupten wusste.

Seiner Tätigkeit an der alten pommerschen Universität war aber voller Erfolg beschieden. Als Leiter der Universitätsbibliothek hat er nicht nur seine Dienstverpflichtungen ernst genommen, die Bestände nach Kräften vermehrt, die Kataloge geführt und seine Befugnisse gegen Eingriffe der Universitätsbehörden energisch verteidigt, er hat sich auch theoretisch mit Bedeutung und Charakter einer akademischen Bibliothek beschäftigt und diesem Thema eine kluge lateinische Arbeit gewidmet. Er gehörte zu den namhaftesten Greifswalder Professoren der Zeit, und seine Vorlesungen waren gut besucht. Er verfasste hier ein umfängliches, lateinisch geschriebenes Werk mit dem Titel „Maximum seu rachimetria“ und eine Reihe kleinerer Schriften und Disputationen, trat mehrfach als Redner bei festlichen Anlässen auf und empfing gern den Besuch schwedischer Gäste. Sein in Greifswald verfasstes Werk, trug ihm die Freundschaft Herders ein, mit dem er im Briefwechsel stand und für dessen philosophische Schriften als Bearbeiter in der Gesamtausgabe er vorgesehen war. Mit Ernst Moritz Arndt, der mehrere Jahre hindurch sein Kollege an der Universität Greifswald wurde, war er in Freundschaft verbunden. Arndt frühe Schriften weisen ähnliche Gedankengänge wie die Thorilds auf. Dieser ebnete Arndt bei seiner ersten Schwedenreise den Weg durch ein ehrenvolles Empfehlungsschreiben. Zehn Jahre nach seinem Tod ehrte Arndt ihn durch die Widmung „An Thorild“ in einem langen, des Dichters Ideen atmendes Gedicht. Thorilds im Aufsteigen befindliche Laufbahn wurde durch seinen frühen Tod jäh beendet.

Am 1. Oktober 1808 erlag er einem plötzlichen Nervenfieber.

Ob ihn eine Freundschaft mit dem Ortspfarrer verband oder ob er die stille des dörflichen Friedens liebte, ist nicht bekannt. Er wählte den Neuenkirchener Friedhof als letzte Ruhestätte. Dicht neben dem Haupteingang der Kirche wurde er in den frühen Morgenstunden des 4. Oktober von den Verwandten und Freunden dort zu Grabe getragen. Der Ortspfarrer vermerkte im Kirchenbuch: „Herr Professor Thomas Thorild, außerordentlicher Professor und Bibliothekar, einer der aufgeklärtesten Männer und ein feiner Philosoph, in Greifswald gestorben und hier seinem Wunsche nach begraben des Morgens 6 Uhr in Begleitung einiger weniger Freunde und seiner Gattin und Kinder.“ In dem gleichen Familienbegräbnis fanden dann auch seine in jungen Jahren verstorbene Tochter, die mit Professor Fiorello verheiratet war, Professor Fiorello selbst, die junge Tochter seines Sohnes und Thorilds eigene Gattin, die ihn um 50 Jahre überlebte, ihre letzte Ruhe.
Das Grab, das von einer großen Linde überschattet ist, trägt einen schönen Grabstein, der auf der einen Seite folgende Inschrift führt:
„O, viva viva divinitas! Meae animae anima! Tibi fui, tibi sum. Thorild. »
(O du lebendige, immer lebendige Göttlichkeit! Du meines Geistes Geist! Dein war ich, dein bin ich. Thorild.) Alljährlich fanden sich viele Jahrzehnte später schwedische Studenten, die in Greifswald studierten, und schwedische Gäste am Grabe ein, um den großen Sohn ihres Volkes mit schwedischen Liedern und Ansprachen zu ehren. Der Platz unter der Linde war zu einer Pilgerstätte geworden. Als später die schwedischen Gäste in Greifswald seltener wurden, wurde es auch einsamer um die Ruhestätte. Vergessen war der große Schwede weder in Schweden noch in Deutschland. Bis in die jüngste Zeit hinein beschäftigen sich umfangreiche Bücher und Aufsätze mit seinem Leben und seinem Lebenswerk. Eine Gesamtausgabe seiner Briefe ist im Erscheinen.

Anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Universität Greifswald im Jahre 1956 versammelten sich schwedische Gäste und deutsche Vertreter zur Ehrung Thorilds am Grabe in Neuenkirchen, nachdem vorher Professor Dr. Rosenfeld in einer akademischen Feier in der Aula der Universität vor zahlreichen Teilnehmern die Verdienst Thorilds für die Wissenschaft gewürdigt hatte. Professor Dr. Elias Wessen (Stockholm) legte im Namen der Schwedischen Akademie am Grabe einen Kranz nieder und würdigte den Dichter und Denker mit ehrenden Worten und dem Vortrag einiger seiner Gedichte in schwedischer Sprache. Nach Gedenkworten des Ortspfarrers ehrte der Direktor der Universitätsbibliothek seinen großen Vorgänger im Amt, indem er dessen Verdienste für die Bibliothek und die Aula mater Grypswaldensis hervorhob und zu seiner und des schwedischen Volkes Ehrung ebenfalls einen Kranz am Grabe niederlegte.

(Ernst Zunker in POMMERN, Kunst, Geschichte, Volkstum. Jahrg. 10, 1972)