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Alwine Wuthenow geb. Balthasar (1820 - 1908)

Eine plattdeutsche Dichterin

Nicht nur als Ruhestätte des berühmten Professors Thomas Thorild wurde das Dorf Neuenkirchen namhaft. Dort stand auch die Wiege einer zu Unrecht heute weniger bekannten plattdeutschen Dichterin, von Alwine Wuthenow, geborenen Balthasar. Sie wurde am 16. September 1820 als Tochter des Ortspfarrers Balthasar in Neuenkirchen geboren, verlebte aber nur wenige Jahre in dem dörflichen Frieden, da ihr Vater nach Gützkow zog. Dort heiratete sie später den Bürgermeister Ferdinand Wuthenow, der mit Fritz Reuter die Festungshaft geteilt hatte, und zog 1849 mit ihm nach Greifswald, wo Wuthenow eine Anstellung am Kreisgericht erhalten hatte. In Greifswald blieb sie bis zu ihrem Tode am 8. Januar 1908.

Durch Klaus Groth wurde Alwine Wuthenow zu eigenen plattdeutschen Dichtungen angeregt und stand lange mit ihm im Briefwechsel. Ihr Mann sandte erste Gedichte an seinen Freund Fritz Reuter, der sie in seiner Wochenschrift „Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern“ abdruckte. Reuter gab auch 1858 den ersten selbständigen Band ihrer Gedichte und versah ihn mit einer Vorrede. Der Titel lautete „En poar Blomen ut Annemariek Schulten ehren Goahrn von A.W.“ Das Büchlein war Klaus Groth gewidmet. Die letzte Strophe des Eingangsgedichts lautete:
in dit lütt Book, Klaus Groth,
Dat sall sei Dank Di wesen
För`n Drunk ut Dienen Sood!“

Da die bei Kunike in Greifswald erschienen warm und natürlich empfundenen Gedichte lebhaften Beifall fanden, wurden bald zwei weitere Ausgaben nötig. Selbst der kritische und unbestechliche Klaus Groth äußerte sich sehr wohlwollend: “Die Frau schreibt einfach, wie ihr ums Herz ist, und schreibst das so treuherzig, wie man es nur im heimlichen Stübchen der Mutter, dem Liebsten, dem Kindchen oder dem Vater dort aber aussprechen kann, es ist immer ein Kosen oder Gebet, oft auch das herzliche Lachen oder Weinen, wie es das vertraute Ohr gewohnt ist.“ 1861 erschienen „Nige Blomen ut Annemariek Schulten ehren Goren“ und 1862 eine Sammlung hochdeutscher Gedichte, mit denen sie aber nicht den gleichen Beifall fand.

Alwine Wuthenows Stärke lag in ihrem tiefempfundenen und natürlich gestalteten Schöpfungen in der heimatlichen plattdeutschen Sprache. Wenn sich auch Anklänge an Groth Lyrik zeigen, so fand die Dichterin doch ihren nur ihr eigenen Ton und ihre ihr vertraute Welt der kleinen Dinge des häuslichen Lebens, aus der ihr die Themen erwuchsen, die sie in schlichte, lebendige Verse kleidete. Hierher gehören unter anderen Gedichte wie „Schornsteinfegerjung“, „De Scheperjung“, „De lütt Gösseldiern“, „Die arme Buurdiern“, und „Die Schipperjung“, die von genauer und unmittelbarer Beobachtung zeugen und geradezu von Leben sprühen. Wir finden bei Alwine Wuthenow nichts Gekünsteltes und Ausgeklügeltes, ihre Natürlichkeit und Unmittelbarkeit überraschen immer von neuem.
Sie liebte ihre plattdeutsche Muttersprache, sie beherrschte sie und lebte in ihr. Jeder ihrer Schöpfungen erwuchs aus dieser Liebe zur niederdeutschen Sprache, die sie selbst einmal „den warmen Herzschlag wahrer Gemütlichkeit, den Frühlingshauch reiner, kindlicher Liebe, das Lächeln ewiger Jugendfrische und den hellen und doch so tief und weich klingenden Glockenton ungekünstelten Naturlebens“ nannte und zu der sie sich in ihrem Gedicht „Mien Modersprak“ bekennt.
Sie wäre keine plattdeutsche Dichterin, gehörte nicht ganz natürlich auch die Tierwelt zu ihrem Themenkreis, insbesondere die Welt der Vögel, mit der sie sich unter anderen die Gedichte „der Kullehahn“, Kreigenleid“, „Vägel in`n Winter“, „Dei Kluck mit Ahnten“, „Arftenbesök“, „Duwenmudder“ und „Sparlings bi de Schüün“ und ihr besonders gelungenes „Vagelled“ beschäftigen.
Obwohl sie eine glückliche Ehe in Gützkow und ab 1849 in Greifswald führte und fünf gesunde Kinder hatte, war ihr ganzes Leben von einer schweren Krankheit überschattet. Bald nach dem früheren Tode ihrer Mutter im Jahr 1827 zeigten sich schon bei dem Kinde die ersten Anzeichen eines wohl durch eine starke seelische Erschütterung der Mutter verursachten Leidens, das sich in zeitweilig auftretenden Zwangsvorstellungen äußerte, die mit qualvollen Beklemmungserscheinungen verbunden waren.
Diese periodischen Krankheitsanfälle, die sie bis ins Alter ertragen musste und sie zu oft langandauernden Aufenthalt in Heilanstalten zwangen, waren ein schwere Last für die Dichterin und ihre Familie. Einige ihrer Gedichte lassen ihre tiefe Verzweiflung, ihre quälende Unruhe und ihre innere Not laut werden. Nur ihr von Haus aus gepflegtem echtem Gottvertrauen und die mittragende Fürsorge ihres Mannes ließen sie diese schweren Prüfungen überstehen, die sie oft auf Jahre von Heimat und Familie trennten. In ihren Dichtungen erhob sie sich über das schwere Leid.
Ihr Gottvertrauen war es auch, das sie nicht zum Ertragen der Leidensseiten befähigte, das ihr sogar die Kraft zu Scherz und Humor gab, der viele ihrer Dichtungen kennzeichnet. Als Probe diene das Gedicht: „Achtern Kirchhof wahnt de Köster“:

Achtern Kirchhof wahnt de Köster
Hintern Aben sitt sin Frau,
Doch an`t Finster en schmuck Mäten,
und min Lewste dat bis du!

Achtern Wald da wahnt de Jäger,
Recht en wohren Galgenstrick,
Doch en Prachtstück von en Bengel,
Und min Lewste, dat bün ik!

Achtern Goren stahn twee Lewsten,
Küssen makt nicht veel Geschrie,
Niegling Mahn wat wüllst du´t weiten,
De twee Lewsten, dat sünd wi!

Nach den ersten großen Erfolgen wurde es stiller um die Dichterin.
1874 erschien die dritte Auflage ihrer „Blomen“, und Max Möller brachte 1896 eine Auswahl alter und neuer Gedichte Alwine Wuthenows mit dem Titel „Blomen ut Annemariek Schulten ehren Goren“ bei Abel in Greifswald heraus. Das Büchlein wurde von Möller mit einer längeren und ausführlichen Vorrede versehen, in der er auch Leben und Lebenswerk der Dichterin eingehend würdigte.

In unserem Jahrhundert ist Alwine Wuthenow sehr zu Unrecht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Ihr Name und ihr Werk werden zwar in allen Darstellungen über die plattdeutsche Dichtung genannt und gewürdigt, doch haben nur wenige Leser noch Zugang zu ihren Gedichten. Achim D. Möller hat in seiner Reihe „Pommersche Frauengestalten“ ihr Leben und Schaffen schon in dieser Zeitschrift (Jahrgang 6, 1968 Heft 2, S 17-20) ausführlicher behandelt; deshalb habe ich mich hier auch kürzer als notwendig fassen können. Alwine Wuthenow wird zweifellos immer an erster genannt werden müssen, wenn von plattdeutscher Lyrik die Rede ist. Bei der Rezessivität der niederdeutschen Sprache und Literatur fehlt wohl der Mut zu einer Neuauflage ihrer Gedichte. Prof. Dr. Rosenfeld hat zwar anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Universität Greifswald einige ihrer Gedichte in sein Buch „500 Jahre Plattdeutsch in Greifswald“ aufgenommen und damit wieder allgemein zugänglich gemacht, es wäre aber höchst verdienstvoll, wenn sich ein plattdeutscher Verlag entschlösse, ihre schönsten Gedichte in einem knappen Bändchen neu darzubieten.

(Ernst Zunker in POMMERN,, Kunst, Geschichte, Volkstum. Jahrg. 10, 1972)